Der transparente Vater 03. Treu bis in den kleinen Tod
Entspannte Väter sind bessere Väter. Nur: Wie gerät er in der Stillzeit in diesen gesegneten Zustand, muss er fremdgehen? Das nicht, aber …
Mit der subjektiv rosafarbenen Brille betrachtet sind die Zeiten eigentlich in Ordnung. Für bewusste Vaterschaft waren sie noch nie besser.
Je mehr die Weltwirtschaft den Bach runter geht, umso attraktiver die heile kleinfamiliäre Welt. Beim Golf mit den Kollegen musst du keine absurden Affären mit viel zu jungen Sekretärinnen mehr erfinden, der chauvinistische Smalltalk war einmal. Plötzlich wollen alle wissen, wie das denn so ist, mit einem Haus voller Kinder und der Angebeteten in Karenz.
Nun, kommen wir gleich zur Sache: Mutter und Baby hängen harmonisch unter der Östrogenglocke, etwaige väterliche Testosteronschübe werden am besten rausgeschwitzt, sie sind mitunter ein Problem, korrigiere: sein Problem. Im Jahr Eins nach Geburt des neuesten Erdlings ist der Markt für besänftigende Entspannung etwas flau, es ist ein wenig wie im Winter Badehosen verkaufen wollen.
Geht es nach dem Kleinen, kann sich so ein Jahr ziehen. Die Geheimnisse der Mutterbrust sind ihm schon lange vertraut, aber er erweckt nie den Eindruck, seinen Horizont in allzu naher Zukunft erweitern zu wollen.
Wo bleibt die berühmte kindliche Neugier?
Willkommen in der Wüste
Die Lage ist, je nach Standort, ebenso erfüllt wie bedürftig. Praktisch eigentlich unmöglich. Woche für Woche nagt eine – mindestens – neunstellige Masse am väterlichen Unterleib und findet den Ausgang nicht. Absurd. Ein Leben ohne kleinen Tod, ohne die Spur eines „Comings“ ist absurd.
Das Thema wäre an sich keine drei Minuten Panik wert. Wär da nicht dieser väterliche Leistungsstress. Du weißt, dass deine Vaterqualitäten mit dem Grad der Entspannung steigen. Nur gibt es in jedem Elternleben jene dunkle, gern verdrängte Phase, die Abstinenz verlangt. Ein Tor, wer sich dagegen erhebt.
Der Arzt spricht zumeist von läppischen sechs Wochen. Aber die biologische Uhr der Frau und Mutter pocht natürlich auf mehr. Sie tickt anders.
Anders vor allem als jene des zuständigen Mannes und Vaters. Der ist im Dilemma. Die, an die er sich zeitlebens gern gewöhnte, hat ihrer Dualität aus unwiderstehlicher Verführerin und tugendhafter Heiliger entsagt. Sie ist nur noch letztere. Ein Drama.
Natürlich, jede anständige Frau offeriert ihrem darbenden Hascherl Alternativen. Zumeist ist das nicht nur ein Lippenbekenntnis, immer aber jenseits von Lust und Laune. Manch ein Mann akzeptiert sogar. Aber gut, es soll auch Trinker geben, die zu alkoholfreiem Bier greifen.
Eine Flucht nach vorn – Richtung Geschwisterschaft im Geiste mit der Angebeteten – erscheint da vergleichsweise sinnlich. Dazu braucht es nicht viel. Ein paar Lusttöter ab und zu. Damit nicht irgendwo im Organismus eine Sicherung schmilzt.
Unternehmen Lusttöter
In der Regel reicht es, die Augen zu öffnen und der Realität ins gnadenlose Gesicht zu starren: Ihr Körper, gestern eine Spielwiese, ist heute exklusives Schlaraffia eines zugegeben charmanten Nimmersatts. Das Schlafzimmer, die Lusthöhle von anno Vorgeburt, gleicht einer Filiale von Body Shop. Das Badezimmer ist regelrecht mysteriös: Du gehst rein und beim Rausgehen weißt du nicht mehr, warum du reingegangen bist.
Mit anderen Worten: Ausgesprochen mühelos kann jeder frisch gebackene Vater potenzielle Appetitzügler im Eigenheim entdecken. Alles was du brauchst ist etwas Forschergeist.
Leider ist auch der abgebrühteste Neo-Alleinverdiener nicht gegen Pannen gefeit. Mit Fortdauer der Abstinenz eigentlich immer weniger. Irgendwann in einer gedankenlosen Minute erscheinst du, möglicher Weise noch trunken von einem der in letzter Zeit recht heftigen Träume, mit einer sinnlosen Morgenerektion zum Frühstück. Dann bedarf es der selbstlos partnerschaftlichen Hilfe der Kindesmutter.
Sie könnte etwa die Mundwinkel nach unten ziehen, die Augen nach oben richten und den Kopf schütteln. Oder dich vorwurfsvoll anblicken und die Nase rümpfen, mit einer unangebrachten Betrachtung auf den Lippen. Dann schrumpft das Problem wie von selbst.
Leichtfertig dahergeschrieben, mag sein. Ich bin eben zeitgeistig. Ich habe mir auch die „neue Vaterschaft“ gegeben. Mit Baby in der Schlinge an der Brust und allem, was dazu gehört, gab ich mir mutterlos die Umwelt. Die hat tadellos mitgespielt.
Der Zweck heiligt die Mittel
Anfangs hatte ich Bammel, so vaterseelenallein mit Baby in der U-Bahn. Bammel vor irgendeiner Schwester im Geist der seligen Mae West, die meine angespannte Lage schamlos ausnützt, Sie wissen schon, „ist das ein Revolver in deiner Hosentasche“ und so weiter.
Aber nichts dergleichen geschah. Und blieb einmal mein Blick allzu lange am vor mir sitzenden Minirock haften, dann stand dieser auf, damit ich mich setzen konnte.
Nicht lange und ich begriff die gusseiserne Identität eines Vaters mit Baby an der Männerbrust: Er hat keine Chance. Ein Mann mit Hund ist vergleichsweise ein Babe-Magnet. Gedanklicher Eintrag ins virtuelle Tagebuch: Beim nächsten Mal ein Hund?
Nun, man kann sich befreien, man kann die Angebetete im Schnellverfahren auf eine andere Umlaufbahn bringen. Leider führt nur ein Weg zum Ziel: Die Mutter im Jahr Eins eines neuen Erdlings braucht eine Rivalin, um wieder ganz Feuer zu sein.
Es kann auch eine fiktive Nebenbuhlerin sein. Wichtig ist, dass die Angebetete es schluckt. Mitunter reicht das berühmte blonde Haar auf seiner Jacke, eventuell komplimentiert mit den ebenso kitschigen Lippenstiftspuren am Kragen und sie lodert wieder, Gott sei Dank.
In meinem Bekanntenkreis stieß diese Methode auf Kritik und zweifellos zu Recht. Aber sie funktioniert. Sie führt zu einem entspannten Mann und somit zu einem besseren Vater.
Was tut mann nicht alles für seine Lieben?
Foto: Jose Fraisse, Lizenz:CC BY-SA 2.0
Über den Autor (Autorenprofil)
Manfred Sax ist Vater von vier Kindern. Für endlichvater.eu verfasst er regelmäßig die Kolumne “Der transparente Vater”.








zwei so süße jungs;-)