Der transparente Vater 04. Das erste Wort

Manfred Sax | 11. Januar 2012 | 11 Kommentare

Im Leben eines Vaters gibt es Ereignisse, die er besser nicht verpasst. Aber wie weiß er, wann es Zeit für die ersten Worte ist?

Erstens bei der Geburt. Wenn der Nachwuchs endlich das Licht der Welt erblickt, darf der Vater nicht mit Abwesenheit glänzen. Dafür gibt es jede Menge Gründe – deren Erwähnung sich erübrigt. Denn unterm Strich bleibt: Bist du an jenem Tag nicht an ihrer Seite, wird es dir die Kindesmutter ein Leben lang nicht vergessen und hängt der Haussegen mal schief, wird sie es dir flüstern, gnadenlos verlässlich, ein Beziehungsleben lang. Das braucht kein Vater.

Also: Am Tag der Entbindung musst du „halten“ und Ausreden gibt es nicht.

Der zweite „Pflichttermin“ ist etwas schwieriger wahr zu nehmen. Wie weißt du, wann der Nachwuchs reif für die ersten Worte ist? Die logische Antwort – durch Präsenz – ist etwas, das dir erst im Lauf der Zeit und mit weiteren Kindern dämmert, im Zuge der Erkenntnis, dass die wahren Abenteuer nicht dort draußen sondern in der Tat da drinnen, in der coolen Welt der Kleinfamilie sind.

Aber beim ersten Kind liegen die Dinge anders.

Theoretisch ist es so einfach wie Tapetenwechsel, okay, du bist jetzt Vater, also arbeite dir den Arsch ab, bring das Brot nach Hause, knutsche den Kleinen, wechsle die Windeln, schmink dir den Rest ab und sei glücklich.

Nur dauert es, bis die Vaterrolle halbwegs passt, da sitzt auch noch hartnäckig der Mann von zuvor in den Knochen, der die „verlorene Freiheit“ betrauert und Fluchtgelüste nicht leugnen kann und den Hefegeruch im Beisl attraktiver findet als die Östrogenglocke zuhause. Ein Mann ist unter anderem auch ein Bastard.

Gongong?

Als mein Erstgeborener die ersten Worte fand, war ich weit weg, so weit, dass mein Tag bereits erledigt war, als der seine begann. Aber ich kriegte die Silben mit, via Telefonmuschel direkt in mein Ohr: „Dada ababla gongong“. Der Vater (Dada) war mit dem Flugzeug (ababla = aeroplane) nach Hongkong (gongong) geflogen.

Das war kein erstes Wort, es war ein Wortschwall. Und mir war sofort klar, dass da was nicht stimmte, letztlich war der Lebensraum meines Ältesten noch recht eingeschränkt. Unterwegs war er zumeist auf allen vieren und das mit Abstand populärste Ziel seiner Entdeckungsreisen die Mutterbrust. Wie kam er dazu, sich mit abstrakten Dingen wie Flugzeugen und Hongkong zu beschäftigen, noch ehe ihm die Dinger der Mutter verbal geläufig waren? Ich fand keine Antwort, sie war lost in translation. Ich hatte sofort den Blues und Hongkong plötzlich keinen Appeal mehr, Pekingente hin, Suzie Wong her. Der Rest war Heimweh.

Beim Zweitgeborenen wurde es Licht. Resultat einer innerfamiliären Revolution, vermutlich. Aus Gründen, die mir heute ein Rätsel sind, hatte Der Erste von Anfang an sein eigenes (Gitter)Bett gehabt, nächtliche Ruhestörungen für die Eltern waren die logische Folge („Du bist dran.“ – „Nein, du!“).

Der Zweite schlief daher im ersten Jahr zwischen den Eltern, nächtlicher Service wurde gerecht geteilt: Wollte der Boy Milch, war die Mutter dran. Schiss er die Milch, hatte ich die Wickel. Harmonie pur, mit Umwegrentabilität. Zum Beispiel väterliche Ermächtigung, etwa die Gabe, dem Baby schnellen Schlaf zu bescheren (Mann platziere die Nase des Buben unweit der väterlichen Achseln). Verlässlicher Knock-out.

Die Erweckung kommt im Schlaf, du kriegst sie also nicht wirklich mit, aber der Punkt ist dieser: Hast du mal ein paar Nächte lang den Duft deines Boys in der Nase, willst du am nächsten Tag zunächst eines – in seiner Nähe sein. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf …

Seine Zunge löste sich zu Weihnachten, Kerzen und Sternspritzer waren alles was er brauchte. Sein Finger deutete auf eine flackernde Flamme, wir sagten „Licht“ (= light), das mauserte sich zur ersten Silbe, die sich seinem Mund zweifelsfrei entrang. Cool, wenn auch nicht perfekt.

Mamma-Tag

Warum nicht perfekt? Ganz einfach – weil für Babys in den ersten Monaten ihres Lebens jeder Tag ein Mamma-Tag ist. Genau genommen sind es Mammae-Tage, nur kapieren sie den kleinen feinen Unterschied selbstverständlich nicht. Jedenfalls aber sollten ein paar hundert Mamma-Tage reichen, um diesen Umstand verbal zu würdigen. Findet der Sprachfanatiker in mir.

Beim Kleinsten war es dann so weit, sein erstes Wort war „Mamma“. Resultat permanenter väterlicher Präsenz, würde ich sagen. Ist der Vater im Haus, erübrigt sich auch jegliche Sehnsucht in Sachen „Dada“, der Boy kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, das ist nun mal die mütterliche Brust, wie der Vater so der Sohn so-to-speak.

Mein Kleinster war bei ihrer Ausbeutung nie wahllos, er begann immer mit der rechten und ließ erst ab, wenn sie leer war, dann blickte er misstrauisch zur linken, wie im Zweifel, ob er sich den Nippel nun geben sollte oder nicht. Rätselhaft, meinte meine Angebetete einmal, „was hat er gegen die linke?“

„Die Herztöne“, sagte ich. „Viel zu bedrohlich.“

Ist auch logisch, oder, wer braucht schon beim Essen dieses ständige „kawumpa kawumpa“. Na gut, darüber könnten wir diskutieren, nur – finde ich – sollte dies reichen, um meinen Punkt zu illustrieren: Wach genossen erschließt dir dein Kind eine faszinierende Welt, die dich ebenso überwältigen kann wie der Rest der Welt generell mühelos im Stande ist, dich zu unterwältigen.

Fakt: Die wahren Abenteuer sind da drinnen. Aber irgendwann erfährt auch die Faszination Mutterbrust ihr natürliches Ende und sie braucht ein Re-branding. Am besten als Lustobjekt für den Vater. Findet der Mann in mir.

Zum Glück helfen Babys dabei unabsichtlich nach. Indem sie Zähne kriegen. Aber davon ein Andermal.

Manfred Sax

Über den Autor (Autorenprofil)

Manfred Sax ist Vater von vier Kindern. Für endlichvater.eu verfasst er regelmäßig die Kolumne “Der transparente Vater”.

Kommentare (11)

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  1. majella reismann sagt:

    übung macht den meister….
    wenn männer ehrlich reflektieren, können sie schwerer irren!
    immer wieder eine freude sie zu lesen!

  2. Franz sagt:

    mein erstes war auto …

  3. mammal sagt:

    was genau haben zaehne mit dem natuerlichen ende der stillzeit zu tun?
    oder wurden hier die bleibenden gemeint, die kommen tatsaechlich um die zeit, wo “natuerlicherweise” (biologistisch betrachtet, oder auch anthtopologisch) das stillen endet.
    mehr dazu hier:
    http://www.kathydettwyler.org/detwean.html

    • Manfred Sax Manfred Sax sagt:

      Das ist ganz einfach, mammal: Auch die ersten Zähne eines Kindes sind messerscharf, das weiß jede Mutter, deren Brustwarze je zwischen deren Zähne geriet. Und tatsächlich ist es so, dass jedes Baby ganz gern mal zubeißt. Keine Mutter lässt sich das lange bieten. Das meinte ich mit „natürliches Ende“. Ihr sax

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