Gnädigste & die Biologische Uhr 04. Uhrentausch

Simone Anton | 19. Januar 2012 | 2 Kommentare

Beim geflügelten Ausdruck „biologische Uhr“ denkt man eher an panische Damen jenseits der 30. Das traditionelle Rollenbild ist aber längst überholt.

Warum wird Kinderwunsch-Panik immer noch eher Frauen unterstellt, fühlen doch bewiesener Maßen mittler Weile eher Männer 35+  ihre biologische Uhr wesentlich stärker? Was hat die Männer dieser Generation geprägt – bewegen wir uns tatsächlich weg von traditionellen Rollenbildern? Ist das eine Zeitgeistfrage?

Postfeminismus?

Fakt ist, die Zeiten haben sich geändert. C. tickt und schreit so laut wie Omas alte Kuckucksuhr – die mich schon als Kind in den Wahnsinn trieb.

Scheinheilige Verführungen mit Austern und Champagner, Kaviar oder Muscheln, in Butter geschwenkte Spargelspitzen oder ein liebevoll zubereitetes Thai-Curry –  auch kulinarisch wird derzeit nichts ausgelassen, um in jeder Hinsicht zu stimulieren.

Und er ist nicht allein damit. Hausfreund M. (40) teilte uns unlängst in illustrer Runde so weinseelig wie radikal mit, er habe sich von K. nach 7 Jahren glücklicher Beziehung getrennt, da sie seinem Kinderwunsch nicht entsprechen wollte.

Dass der Gute mit Familienplanung ursprünglich nichts am Hut hatte und die Verbindung auf dieser Basis auch geschlossen wurde, ist für selbigen plötzlich völlig unerheblich.

Wir diagnostizierten lauthals protestierend das Russell Brand Syndrom – der hat auch seine K. klar ob seiner divergenten Lebensplanung abserviert. Und was bitte war das dann nochmals mit diesem „Liebe meines Lebens“-Dings?

„Ich habe mich eben verändert“, meint M. darauf bloß schlicht.

Ich bin geneigt, hier konkret eine ausgewachsene Midlife-Crisis zu unterstellen, zumal er sich gleichzeitig mit einer jüngeren Frau eingedeckt hat. Die männliche Wesensveränderung 40+ scheint jedenfalls eindeutig in Zusammenhang mit dem Verfall der Spermienqualität zu stehen. Ich behaupte mal frech, dass dies auch generell u.a. der intuitive Auslöser dafür ist, wenn sich Männer auf jüngere (zeugungsfähige) Frauen stürzen  – selbst wenn kein Kinderwunsch besteht.

Aber die subjektive Erklärung allein wäre natürlich zu banal. Das Thema ist viel komplexer. Mann hat sich tatsächlich verändert – und das ist gut so.

Transformation der Geschlechterrollen: der neue Mann

Wir Frauen waren es, die mit der Frauenbewegung den Anstoß für Veränderung gegeben haben. Wir haben insistiert, dass Geschlechtskategorien und zugehörige Verhaltensweisen nicht naturgegeben sondern bloß  kulturell geformt sind und hier ein Umdenken notwendig ist. Der moderne Mann hat sich dahingehend mit entwickelt und neu erfunden – wie auch wir Frauen.

Er ist stolz auf seine Metrosexualität, lebt Partnerschaft auf Augenhöhe, stellt den Diskurs vor Gewaltausbrüche, ist gefühlsbetonter und hat auch seine verantwortungsvolle Vaterrolle innerhalb des Familienlebens völlig neu definiert.

Wir Frauen wiederum machen vermehrt Karriere und lechzen nach Selbstverwirklichung. Oftmals  fungieren wir sogar finanztechnisch als Ernährerinnen (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel).

Somit unterscheiden wir uns in unseren Verhaltensweisen und Wünschen heutzutage kaum mehr von einander. Es zählen vor allem das individuelle „Ich“  – und die geschlechterspezifisch völlig unabhängigen Bedürfnisse eines Individuums. Eine Entwicklung, die mir persönlich sehr gut gefällt.

Die Zeit ist reif, sagt C.

C. möchte ein Kind und ist bereit, seinen Teil der Verantwortung zu übernehmen. Die Erkenntnis traf ihn selbst eher überraschend, wie er sagt. Er möchte diesmal alles richtig machen und alles geben. Seine Uhr tickt plötzlich hörbar ob der Erkenntnis, dass er wesentliche persönliche Entwicklungen – etwa Karriereschritte – schon hinter sich hat, dass viele seiner Lebensträume schon erfüllt sind –  und er seine Vaterschaft nun intensiver leben und gestalten könnte.

Kurzfristige Panikattacken – dass er als good old Daddy verständnistechnisch mit dem Fratz nicht mehr mithalten oder er aufgrund abnehmender Spermienqualität Studien zu Folge missgebildete bis unintelligente Kreaturen hervorbringen könnte – wischt er final fröhlich beschwingt vom Tisch. Er ist fit wie ein Turnschuh, trägt auch zerschlissene Jeans und zieht sich musiktechnisch Lady Gaga rein.

Das geht sich aus, sagt er.

Akut plant er für die nächsten Urlaube exotische Destinationen aufzusuchen, beseelt von der Idee, dem derzeitigen Trend nach der ersehnten Leibesfrucht einen spannenden Namen je nach Zeugungsort oder landestypischer Speise geben zu können.

Dass ich noch verhüte und generell etwas unsicher bin, wird geflissentlich  ignoriert. Mit einem Wort: Er befindet sich im hormonellen wie geistigen Ausnahmezustand.

Er ist somit eindeutig dort, wo ich noch nicht bin. Aber ich versuche zu verstehen und Anschluss zu finden. Weil ich ihn liebe und wir miteinander leben möchten.

Und auch wenn er mir hinsichtlich persönlicher Entwicklung und Zugang momentan voraus ist: Ich kann mir gerade deswegen durchaus ausmalen, dass ich – zeitversetzt – vielleicht auch bald in das Stadium des selben hormonellen Wahnsinns eintreten werde.

Die Rollen sind nur vertauscht.

Foto: Fake Brand&Perry by sffoghorn, Lizenz: CC BY 2.0

Über den Autor (Autorenprofil)

Simone Anton alias Gnädigste ist Jahrgang 1975 und lebt und arbeitet in Wien.

Kommentare (2)

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  1. Kindskopf sagt:

    Machen wir’s kurz und knackig, wie andere in finsteren Parkgaragen:
    Sie sollten ein Buch schreiben, Gnädigste.

    Hochachtungsvoll,

    K. Kopf

    • Gnädigste sagt:

      Wie wir wissen ist das eine Mär, dass in Parkgaragen oder geräumigen Aufzügen irgendwas kürzer oder knackiger abläuft als sonstwo. Nichtsdestotrotz (was für ein Wort – es geht um nix aber wir reden trotzdem dagegen?) wird sie das gewiss tun – aber sicher nicht über dieses thema. :-)

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