Der transparente Vater 09. Ihr Boss, das Phantom

Manfred Sax | 10. Juni 2012 | 4 Kommentare

Es gibt Leute, für die ist der Vater ein Phantom. Ich kenne da ganz andere.

Seltsam, als ich das letzte Mal hierher kam, war grad Muttertag, das ist nichts für Mimosen, als Mutter kriegst du an deinem Tag keine Blumen gestreut, du kriegst verbal eine rüber gezogen, reine Imagesache (siehe Mutterbashing in Boboville).

Mit dem neulichen Vatertag war es ähnlich, wenn auch anders. Das heimische Nachrichtenmagazin zerrte die Vaterstory sogar auf das Cover, vermutlich ein frühes Sommerloch.

Immerhin, in der Story wurden die Väter nicht geprügelt, das war nicht möglich. Laut der Töchter und Söhne, die da O-tönten, war der Vater nicht präsent. Er war ein Phantom und sie litten Phantomschmerzen. Waren ihm aber nicht böse. Was ich verstehen kann.

So eine Haltung hat ihre praktischen Seiten. Ich funktioniere ähnlich. Ich verhalte mich zu meinem Vater bemüht so, wie mir angenehm wär, dass sich mein Nachwuchs zu mir verhält. Tatsache, seit ich Vater bin, bin ich ein anderer Sohn.

Vatertag also. Schwer zu sagen, welche Qualitäten da hervor gehoben werden sollen, so sieht dieser Tag auch aus, er hieß nie was und bringt nichts, es steht kein Markt hinter ihm. Wie auch? Was verkauft man einem Phantom? Der Vatertag ist ein Phantomereignis.

Apropos Phantom. Nicht nur Väter sind Phantome, ich kenne auch eines, mir erscheint es sinistrer als ein Mann mit Kind, es dringt gelegentlich wenn auch immer störend in meine Familienzone, wo es garantiert nichts verloren hat – und das geht wie folgt.

Der Abend ist noch jung, die Kinder aufgedreht und plötzlich veredelt ein rarer Gast das Eigenheim –die Mutter meiner Kinder. Aus einem Grund, den sie nicht weiter erörtert, ist ihr der Beruf keine Überstunde wert.

Es ist pure Magie. Was Alltag war, wird Feierabend, der Nachwuchs tobt, ich decke in Windeseile den Tisch, sie tauscht ebenso schnell ihr aufregendes Powerdress gegen ein sackähnliches Hauskleid, mein jäh erregtes Gemüt ist alsogleich besänftigt, im Nu durchdringt kleinfamiliäres Idyll die Räume.

Bis das Telefon läutet.

Wenn das Phantom klingelt …

Irgendwann werde ich es mir abgewöhnen. Zur Zeit greife ich noch immer reflexartig zum Hörer. Die Stimme ist mir mittler Weile vertraut, wenn auch nicht sympathisch. Sie ist männlich höflich, mit Entschuldigungen auf den Lippen und Kreide im Rachen. „Hallo, Herr Gatte“, sagt die Stimme. Und will die Gattin sprechen.

Sie hat ein Handy, sag ich. Ist abgeschaltet, sagt die Stimme. Das wird seinen Grund haben, sag ich.

Hastig ergreift meine Angebetete das Rohr, sofort wird sie mir fremd. Sie formuliert zuvorkommend, verzieht keine Miene und ist ganz Ohr. Ihr Vokabular wird exotisch. Sie sagt Dinge wie „macht nichts“ und „kein Problem“, geschmückt mit einer reschen Dosis „Selbstverständlichs“. Devot, nahezu.

Nicht auszudenken, würde sie mich mit derlei Worten bedienen, ich lass mich nicht gern verarschen. Aber der Typ am anderen Ende der Leitung scheint es zu lieben. Wie ich sie kenne, hat sie ihre Gründe. Meines Wissens ist er der einzige Mensch, zu dem sie so spricht. Rein zufällig ist das Phantom auch ihr Boss.

Ich bekam ihn noch nie zu Gesicht. Angeblich ist er dick und rotgesichtig. Sagt sie. Sie meint das beruhigend. Ist nicht notwendig. Ich finde Macht nicht erotisch. Wär ein Fehler, in meiner Position.

Objektiv gesehen hab ich ihm einiges zu verdanken, zum Beispiel meinen Haushaltsjob. Trotzdem, ich mag ihn nicht. Er scheint mit traumwandlerischer Sicherheit zu wissen, wann sie nach Hause kommt. Das stört mich, ich weiß das nie. Zweitens ist mit Ende des Telefonats der Lachs kalt. Dieser teure, liebevoll mit Ingwer und Zitronengras gedünstete Lachs.

Der Rest ist Ritual. Sie sagt: „Ich werde morgen …“, ich ergänze: „… früher zur Arbeit gehen.“ Oft wird die Atmosphäre dann etwas frostig. Sie mag es nicht, wenn man zwischen ihrem Heimkommen und zufälligem Anruf einen kausalen Zusammenhang herstellt.

Schade. Ein Abend, der zauberhaft begann, hat plötzlich eine herbe Note. Schuld ist das Phantom, soviel ich weiß. Die Frau meines Lebens nennt mich „undankbar“.

Immerhin, sagt sie, sei der Boss der edle Spender ihrer „Chance“. Sie schätzt ihn, weil sie anfangs nur um einen Nebenjob warb. Um seinen kleinen Finger sozusagen. Wenig später war sie seine rechte Hand. Er „C“, sie „EO“.

Von wegen „Chance“. Meines Erachtens hat die der Boss. Passiert einem bladen Mittfünfziger nicht alle Tage, sag ich, dass er einen scharfen Geist in einem Modelkörper zur Seite hat, eine Traumfrau, die ihm den Laden schmeißt etcetera.

Schleimiger Chauvi, sagt sie.

Ich kann dem Phantomboss einiges vorwerfen, insbesondere sein unverschämtes abendliches Eindringen in meine Privatsphäre. Aber nicht, dass er dumm ist. Er ahnte sofort, wo sie hingehört – keinesfalls in die Küche, soll er mal gesagt haben. Stimmt, dort war sie immer fehl am Platz.

Nein, dumm ist er nicht, der Boss. Er ist alt und kinderlos und mit seinem Beruf verheiratet und ignorant wie alle anderen, die ihre Karriere über alles stellen, ohne Ahnung, was sie vermissen. Und ohne Respekt für die, die es wissen. Für Väter, zum Beispiel. Aber dumm ist er nicht. Etwas naiv vielleicht.

Sein argloses Schlucken ihrer glatten „Selbstverständlichs“ ist töricht. Erinnert mich ein wenig an einen Fisch am Haken. Würd mich nicht wundern, wenn er mal an Land gezogen wird. Keinesfalls würde es mich stören. Ich weiß, wie man sowas zubereitet.

Foto: abdullah al-naser, Lizenz: CC BY 2.0

Manfred Sax

Über den Autor (Autorenprofil)

Manfred Sax ist Vater von vier Kindern. Für endlichvater.eu verfasst er regelmäßig die Kolumne “Der transparente Vater”.

Kommentare (4)

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  1. Vergnüglich einen Vater und Mann mit (in) den Worten einer Frau und Mutter zu lesen…;-) Danke, war sehr amüsant!
    Mare

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