Gnädigste & die Biologische Uhr 08. Schöne Babys
Warum ist das schönste Baby immer das eigene? Wie definiert man Schönheit und wieso ist es uns wichtig, ein hübsches Kind zu haben?
Seit Tagen warteten wir gespannt auf den Wurfmoment eines Paares aus dem Freundeskreis, bei A. und W. war es wieder einmal soweit. Nach einem Alarm mitten in ein entspanntes gemeinsames Abendessen hinein durften wir dieser Tage Teil des Ganzen werden – C. und ich sprangen ins Taxi und sprachen die Worte, die wohl jeder Taxifahrer gerne einmal in seinem Leben hört: „Folgen Sie diesem Wagen!“
Wir landeten im Spital der Damenwahl und durften den aufgeregten Vater beim Fressen mehrerer Zigarettenpackungen assistieren, ehe er in die heiligen Hallen zur Begleitung der Geburt verschwand.
Sie hat es jedenfalls besser verkraftet als er, der bei der – mittler Weile dritten – Geburt wieder ohnmächtig wurde. Wir sind trotzdem stolz auf ihn.
Der erste Anblick
Ich war das erste Mal dabei. Das Bild der drei, die vorher nur zwei waren, war so emotional beeindruckend wie verstörend. Dass ein menschliches Wunder passiert war, konnte ich mit jeder Faser fühlen. Das Paar in seiner Verbundenheit in diesem Moment zu sehen hat mich beglückt und förmlich berauscht.
Aber das Kind – es sah offen gestanden monströs aus. Ich musste laut loslachen, als A. verträumt hauchte: „Ist sie nicht wunderschön?“. Eine Übersprungshandlung meinerseits im Schockmoment, die Gott sei Dank in der allgemeinen Aufregung unterging.
Das Baby hatte mit der Saugglocke geholt werden müssen und sah entsprechend aus. Als hätte es eine Schlägerei hinter sich, Beule am Kopf inklusive. Der extreme Unterbiss, ein ob der Anstrengung hochroter Kopf, geschwollene Augen und blaue Händchen – ein Anblick zum Fürchten.
C. erklärte mir, dass dies völlig normal sei und A. wie auch W. sich nur im natürlichen Oxytocin-Hormonrausch befinden, damit die ganze Aktion schmerzbefreit und bindungsfördernd abläuft. Auf Oxytocin ist alles und jede und jeder schön.
Nach zwei Wochen würde man absehen können, ob aus dem dramatischen Bündel doch eine kleine Prinzessin geboren wurde – wir hoffen noch.
Aber ich gestehe: Als ich den sogenannten Bonding-Prozess begleiten bzw. das Kind sogar selbst in die Arme nehmen durfte, hat mich die Hormonwelle mitgerissen. Ich fand das kleine Monster augenblicklich anbetungswürdig.
Aber warum wollen wir schöne Kinder, was ist Schönheit überhaupt? Das Schönheitsempfinden bei Menschen ist nur zum Teil subjektiv. Die Attraktivitätsforschung belegt, dass wir bestimmte visuelle Merkmale (Gesichtssymmetrie, Proportionen, Ähnlichkeiten zur eigenen Physiologie) als attraktiv empfinden. Und natürlich wünschen wir uns schon aus sozialen Gründen schöne Kinder, wir wissen, was die Hässlichen in dieser Welt erwartet. Tatsache ist: Schöne Menschen schließen von Kindheit an leichter Freundschaften, erfahren mehr soziale Anerkennung, haben mehr Selbstbewusstsein.
Sie entwickeln sich derart gestärkt meist auch eher expressiv im Ausdruck, sind in der Selbstfindung nicht durch negative Fremdeinflüsse gehemmt und werden als derart ausgeprägte Persönlichkeiten später in der Arbeitswelt bevorzugt behandelt.
Designer-Babies für alle
Wer hier auf der Suche nach Perfektionismus ist: Der Internetklub BeautifulPeople hat dazu sogar den Beautiful Baby Service eingerichtet. Nicht nur, dass dort „schöne“ Menschen das passende partnerschaftliche Pendant unter „strengen“ Auswahlkriterien suchen können, auch vermeintlich „Hässliche“ finden dort wenigstens eine Chance für den Nachwuchs: Sie können sich im „Samen- und Eizellen-Pool“ die richtigen Gene für ihr ganz eigenes hübsches Designer-Baby einfach kaufen. Also Körperrassismus in Reinkultur – einfach krank.
Andererseits: Ich durfte zum Thema Schönheit unlängst einen Diskurs im Bekanntenkreis verfolgen, der mich leicht verärgert hat, zumal wieder einmal allerorts verkündet wurde, dass Charakter und Wesen eines Menschen doch immer im Vordergrund stehen sollten und die Übervorteilung von schönen Menschen ausschließlich in der Oberflächlichkeit der Betrachter begründet wäre.
Ich konnte nur leider im Umfeld der Diskutanten weder körperlich benachteiligte noch optisch szeneuntaugliche Menschen ausmachen. Von der Partnerwahl möchte ich in diesem Zusammenhang gar nicht sprechen – klarer Fall von Selbstbetrug. Wir sind von den Medien und den – gegenwärtig krass retuschierten – Schönheitsidealen der Zeit geprägt. Für uns persönlich heraus zu finden, woran wir menschliche Schönheit messen sollten, wäre kein Fehler. Aber wir sollten diese Einstellung dann auch wirklich leben, nicht nur davon reden.
So gesehen: Ob sich der kleine Wurm von A. und W. nun optisch positiv entwickelt oder nicht, ist mir nach dem ersten Schock nun völlig egal. Tante Gnädigste wird alles tun, damit die Prinzessin glücklich wird . Aber ich hoffe doch, dass die Beule auf ihrem Kopf noch verschwindet.
Über den Autor (Autorenprofil)
Simone Anton alias Gnädigste ist Jahrgang 1975 und lebt und arbeitet in Wien.








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